Es gibt einen Punkt, ganz still, an dem sich das Rad des Lebens dreht, ohne sich selbst zu bewegen. Rollin Becker kannte diesen Punkt. Er nannte ihn nicht Gott, nicht Tao, nicht Shunyata – und
doch war es all das zugleich, verborgen im Gewebe eines Menschen, wartend darauf, gehört zu werden.
Wie ein Sufi im Dhikr, der den Herzschlag des Unendlichen im eigenen Puls sucht, legte Becker die Hände nicht auf, um zu geben – er legte sie auf, um zu empfangen. Die Potency, von der er sprach,
ist nichts anderes als das, was Physiker heute das Quantenvakuum nennen: kein Nichts, sondern eine Fülle, die sich nur in der Stille zeigt. Aus der Leere steigt alle Form – und aus der Erstarrung
im Gewebe, aus der eingefrorenen Bewegung eines alten Traumas, steigt, wenn man nur lange genug lauscht, dieselbe schöpferische Kraft wieder auf.
Hier trifft sich Becker mit Lao Tse: Wu Wei, das Nicht-Tun, das dennoch alles bewirkt. Der Fluss, der um den Stein herumfließt, ohne den Stein zu bekämpfen. Und genau hier liegt das Prinzip, das
du in dir trägst: Im Symptom die Gesundheit, in der Wunde der Plan zur eigenen Heilung. Die Erstarrung ist kein Feind – sie ist ein Tresor. Sie hält die Potency fest, bis der Moment reif ist, bis
ein Bewusstsein da ist, das bereit ist zu empfangen, was freigesetzt wird.
Jung hätte gesagt: im Schatten liegt das Gold. Jealous nannte es den “Breath of Life”, der durch alle Gezeiten hindurchzieht, auch durch die dunkelsten.
Becker war der, der all das nicht erklärte, sondern bezeugte. Wie Ramana Maharshi, der auf die Frage “Wer bin ich?” nur schwieg und damit mehr sagte als jedes Wort – so schwieg Becker unter
seinen Händen, und in diesem Schweigen begann das Gewebe selbst zu sprechen.
Vielleicht war seine tiefste Lehre diese: Der Therapeut, der Sucher, der Mensch auf dem Weg – er muss nicht heilen. Er muss nur so still werden, dass die Gesundheit, die längst da ist, sich
traut, wieder ans Licht zu kommen. Wie Rumi es sagte: die Wunde ist die Stelle, wo das Licht eintritt. Becker hätte ergänzt – und wo es, lange bevor du es bemerkst, schon die ganze Zeit gewartet
hat.
Bildquelle: Unsplash
